Gleitlager Kürzen, Abdrehen, Aufreiben – Wie geht das?

Lars Butenschön | 5. November 2018

Kennen Sie das? Der technische Händler Ihres Vertrauens wirbt mit einem Abmessungsprogramm an Gleitlagern mit genügend Varianten, um jeden Menschen auf dem Planeten und seine Haustiere mit jeweils einer davon zu versorgen… und dennoch gibt es das eine Gleitlager partout nicht in der Größe, die Sie brauchen? Dabei ist 11,46 mm doch ein völlig etabliertes Wellenmaß… und 5,84 ist nun wirklich keine exotische Länge…  Also muss man mal wieder selbst ran und das Gleitlager kürzen oder anderweitig nachbearbeiten. Aber kann man einfach so Gleitlager kürzen? Und was ist, wenn der Durchmesser nicht passt?

Metallgleitlager nachbearbeiten?

Bei metallischen Gleitlagern ist das nicht immer so einfach. Gerade bei den Verbundlagern, die aus Metallhülsen mit Gleitschicht bestehen, ist die Anpassung des Innendurchmessers nicht wirklich sinnvoll. Die Gleitschicht ist nur wenige hundertstel Millimeter dünn. Viel ist da nicht mit Aufreiben. Die übrigen Maße lassen sich dagegen mit Werkzeugen der Metallbearbeitung ändern. Etwas einfacher ist die Sache bei Gleitlagern aus Massiv- oder Sinterbronze oder Messing. Diese weicheren Metalle lassen sich besser bearbeiten und empfindliche Gleitfilme müssen auch nicht berücksichtigt werden.

Oft reicht schon ein scharfes Messer: Gleitlager aus Kunststoff

Noch einfacher sieht die Sache mit dem Gleitlager Kürzen dagegen bei Gleitlagern aus Kunststoff aus. Diese lassen sich teilweise sogar mit einem einfachen Küchen- oder Teppichmesser zurecht schneiden. (Etwas Geduld und Geschick vorausgesetzt). Bei zu langen Gleitlagern kann man sich so recht einfach kurzfristig helfen: Einfach das zu lange Gleitlager in die Aufnahmebohrung einpressen und den überstehenden Teil mit einem scharfen Messer abschneiden. Stören dagegen nur einige wenige Millimeter, kann auch schon ein Stück Schleifpapier Abhilfe schaffen.

Innendurchmesser zu klein?

Passt der Innendurchmesser nicht, kann der Innendurchmesser einfach aufgebohrt werden. Bei Gleitlagern aus Kunststoff oder geschmierten Metalllagern ohne Gleitschicht ist dies möglich, da das gesamte Material als Kontaktfläche dienen kann. Auch hier gibt es eine einfache und hemdsärmlige Variante: Gleitlager einpressen und den Innendurchmesser aufbohren. Beachten Sie jedoch, dass noch genügend Wanddicke des Lagers vorhanden ist. Zwar hat diese wenig Auswirkung auf die Tragfähigkeit des Lagers, wohl aber auf die Verschleißgrenze. Denn je mehr Material da ist, desto mehr Material kann verschleißen und somit das Verschleißbedingte Ableben des Lagers hinauszögern.

Kunststoffe lassen sich einfach bearbeiten. Wenn es genau sein muss, führt jedoch kein Weg um die Dreh- oder Fräsmaschine herum.
Kunststoffe lassen sich einfach bearbeiten. Wenn es genau sein muss, führt jedoch kein Weg um die Dreh- oder Fräsmaschine herum.
Vorsicht beim Aufreiben: Kunststoff ist nicht gleich Kunststoff!

Doch Obacht: Kunststoff ist nicht gleich Kunststoff. Manche Kunststoffe sind nach dem Bearbeiten rauer als vorher und generell etwas schwerer zu bearbeiten. Das liegt daran, dass manche Kunststoffe zusätzlich faserverstärkt sind. Glas- oder Kohlefasern unterschiedlicher Dicke und Länge werden manchen Kunststoffen beigemischt um die mechanischen Eigenschaften – zum Beispiel die Tragfähigkeit – zu verbessern. Diese treten bei der Bearbeitung hervor und brechen, was für eine raue Oberfläche sorgt. Das führt wiederum zu erhöhter Reibung und Verschleiß. Im Betrieb ändert sich das über die Zeit, da sich diese Fasern während der Einlaufphase glätten, lösen oder wieder im Material einbetten. Diese Probleme können Sie aber auch gleich ganz vermeiden, wenn Sie vor der Montage der Welle einfach eine dünne Schicht Schmierfett auftragen. Das Fett verringert die Reibung bis das Lager „eingelaufen“ ist.

Wenn der Außendurchmesser zu groß ist

Ist der Außendurchmesser eines Lagers zu groß ist es am sinnvollsten, diesen auf einer Drehmaschine abzudrehen. Da hier weder besondere Werkzeuge noch aufwändige Programmierungen nötig sind, gestaltet sich dieser Prozess unkompliziert. Auch eine rauere Oberfläche ist kein Problem. Bei aufgerautem Außendurchmesser kann der Einpressvorgang zur Montage zwar etwas mehr Kraft erfordern, gleichzeitig ist aber auch der Presssitz besser. Das Lager rutscht weniger leicht aus der Aufnahmebohrung. Dieser Arbeitsschritt – ebenso wie die vorher genannten gehören zum Standardrepertoire eines jede Metall- oder Kunststoffbearbeiters. Hersteller wie igus® bieten diesen Service auch gleich mit an – falls das angebotene Abmessungsprogramm nicht ausreicht.

3 mal abgeschnitten und noch zu kurz

Und als kleiner Zusatztipp am Rande: Wenn Sie es mit dem Gleitlager Kürzen übertrieben haben oder der eingangs erwähnte Lieferant nur viel zu kurze Gleitlager anbietet: Montieren Sie doch einfach eine entsprechende Anzahl kürzerer Gleitlager hintereinander. Gerade die einfach aufzubohrenden Kunststoffgleitlager eignen sich gut um hintereinander eingepresst und anschließend präzise aufgebohrt zu werden um möglichst wenige Ausrichtungsfehler zu garantieren. Aber auch unbearbeitet ist dieser „Trick“ schon eine sehr praktische Lösung.

Und wenn alles nichts hilft oder die Maße der Buchse zu klein sind… Manche Hersteller von Kunststoffgleitlagern bieten Halbzeuge in runder oder kantiger Form an. Diese stellen vor allem für mittelgroße Stückzahlen eine günstige Alternative zu anderen Verfahren wie 3D-Druck und Sintern dar und erlauben eine breitere Palette an Werkstoffen bei gleichzeitig großer Gestaltungsfreiheit.

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